Die Saitenspannung ist eine der am meisten unterschätzten Einstellungen beim Tennis. Zwei identische Schläger, die mit einem Unterschied von 3 kg bespannt sind, spielen sich völlig unterschiedlich. Hier erfährst du, wie du deine Spannung wählst – Längs- und Quersaiten inklusive – mit einem vollständigen Überblick über Naturdarm.
Das Prinzip: Power oder Kontrolle
Die Grundregel ist kontraintuitiv: Je weniger die Saite gespannt ist, desto schneller fliegt der Ball. Eine lockere Saite gibt beim Aufprall stärker nach und katapultiert den Ball wie ein Trampolin zurück.
- Niedrige Spannung (ca. unter 20 kg): mehr Power, mehr Komfort und mehr Spin, aber weniger Kontrolle und Präzision.
- Hohe Spannung (ca. über 25 kg): mehr Präzision und Kontrolle, aber weniger Power und mehr Belastung für den Arm.
Auf der Profitour reichen die Spannungen von etwa 9 kg bis über 40 kg: Es gibt keine universelle „richtige“ Spannung.
Welche Spannung wählen?
Die Hersteller geben auf dem Rahmen jedes Schlägers einen empfohlenen Spannungsbereich an, meist zwischen 22,5 und 27 kg. Das ist der erste Anhaltspunkt, den man beachten sollte.
- Zum Einstieg wählt man die Mitte des Bereichs.
- Für mehr Power reduziert man die Spannung beim nächsten Bespannen um etwa 1 bis 1,5 kg; für mehr Kontrolle erhöht man sie entsprechend.
- Im Freizeitbereich hilft eine moderate Spannung zwischen 23 und 27 kg, die Kontrolle zu behalten und Verletzungen zu vermeiden.
Spannungen werden manchmal in Pfund (lb) angegeben: 1 kg entspricht etwa 2,2 lb. Eine Spannung von 55 lb entspricht also 25 kg.
Längs- und Quersaiten: zwei unterschiedliche Spannungen
Ein Saitenbett besteht aus zwei Saitensätzen:
- die Längssaiten, vertikal, die zuerst eingezogen werden. Sie sind hauptsächlich für den Spin des Balls verantwortlich;
- die Quersaiten, horizontal, die sich mit den Längssaiten kreuzen.
Das Bespannungsmuster eines Schlägers gibt diese Reihenfolge an: Ein Muster von 16/19 hat 16 Längs- und 19 Quersaiten.
Üblicherweise werden die Quersaiten etwas weniger gespannt als die Längssaiten
- 1 kg weniger bei Naturdarm oder Multifilament;
- 1 bis 2 kg weniger bei Monofilament (Polyester).
Dafür gibt es zwei Gründe. Die Quersaiten sind kürzer als die Längssaiten: Bei gleicher Spannung wirken sie steifer, und eine niedrigere Spannung gleicht das Gefühl über die gesamte Bespannungsfläche aus. Zudem benötigt bei einer Hybridbespannung, bei der Längs- und Quersaiten aus unterschiedlichen Materialien bestehen, jede Saite ihre eigene Spannung für ein homogenes Spielgefühl.
Beispiel: Bei Multifilament 24 kg für die Längs- und 23 kg für die Quersaiten.
Der Saitentyp verändert die Spannung
Bei gleicher Spannung fühlt sich eine steife Saite härter an als eine flexible. Die üblichen Spannungsbereiche sind daher unterschiedlich:
- Naturdarm, Multifilament oder Hybrid: etwa 21 bis 25 kg;
- Monofilament: etwa 19 bis 25 kg, meist etwas niedriger.
Eine zu hohe Spannung bei einer flexiblen Saite würde die meisten ihrer Vorteile zunichtemachen.
Naturdarm: die High-End-Lösung
Naturdarm ist die älteste Art von Saiten: Pierre Babolat entwickelte sie in den 1870er Jahren, zunächst aus Schafsdärmen, später aus Rinderdärmen, wie heute noch. Lange Zeit der Standard, wird er auf der Tour noch immer verwendet, oft in Hybridbespannungen.
Seine Vorteile
- Der Komfort: Sehr elastisch, absorbiert er Vibrationen besser als jede synthetische Saite. Eine beliebte Wahl für Spieler mit Armproblemen.
- Die Power: Seine Elastizität gibt dem Ball natürlichen Schwung.
- Das Ballgefühl: Ein präzises Spielgefühl, besonders bei feinen Schlägen.
- Die Spannungshaltung: Er behält seine Spannung und Eigenschaften viel länger als synthetische Saiten.
Seine Nachteile
- Der Preis: 30 bis 60 € pro Bespannung, je nach Marke und Behandlung, also ein Vielfaches des Preises einer synthetischen Saite.
- Die Haltbarkeit: Er nutzt sich schneller ab als ein Monofilament, besonders bei Spielern, die hart und mit viel Spin schlagen.
- Die Feuchtigkeit: Wasser kann ihn beschädigen, auch wenn moderne Naturdärme besser dagegen behandelt sind.
- Der Spin: Er greift den Ball weniger an als ein Monofilament für stark liftende Schläge.
Welche Spannung für Naturdarm? Etwa 24 bis 26 kg bieten einen guten Kompromiss zwischen Komfort und Kontrolle, und etwa 22 kg, wenn man vor allem Power sucht. Pete Sampras bespannte seinen Naturdarm übrigens mit 32 bis 35 kg, mit einem viel schwereren Schläger als die heutigen Modelle.
Die Hybridlösung: Viele Spieler, darunter auch Profis, kombinieren Längssaiten aus Naturdarm mit Quersaiten aus Monofilament. So behalten sie den Komfort und die Power des Naturdarms, mit mehr Haltbarkeit und Kontrolle.
Die Spannung lässt nach… schon beim Bespannen
Die auf der Maschine angezeigte Spannung ist nicht die tatsächliche Spannung deines Schlägers: Die Saite verliert schon beim Bespannen an Spannung. Ein mit 27 kg bespannter Schläger kann eine reale Spannung von nur 23 bis 25 kg haben, abhängig von der Bespannungsfläche, der Saite und der Maschine. Danach verliert er weiter an Spannung, selbst wenn er nicht reißt.
Wann neu bespannen? Die Faustregel im Freizeitbereich: So oft pro Jahr, wie du pro Woche spielst. Zwei Trainingseinheiten pro Woche, zwei Bespannungen pro Jahr. Bei Monofilament, das schneller seine Eigenschaften verliert, öfter bespannen.
Profispieler passen ihre Spannung auch der Oberfläche an: Viele reduzieren sie um 1 bis 2 kg, wenn die Sandplatzsaison beginnt.
Und der Arm?
Eine hohe Spannung, besonders mit einer steifen Monofilament-Saite, überträgt mehr Stöße auf den Arm. Wenn du Schmerzen im Ellbogen oder in der Schulter spürst, können eine flexiblere Saite (Naturdarm oder Multifilament) und eine niedrigere Spannung helfen. Aber anhaltende Schmerzen sollten von einem Arzt oder Physiotherapeuten untersucht werden: Die Ausrüstung ersetzt keine medizinische Beratung.
Zusammenfassung
- Beginne mit der Mitte des auf deinem Schläger angegebenen Spannungsbereichs.
- Spanne die Quersaiten 1 kg weniger als die Längssaiten (1 bis 2 kg weniger bei Monofilament).
- Niedrige Spannung für Power und Komfort, hohe Spannung für Kontrolle.
- Naturdarm bietet den besten Komfort und hält die Spannung, ist aber teuer und empfindlich gegen Feuchtigkeit.
- Bespanne mindestens so oft pro Jahr, wie du pro Woche spielst.
Um deine Einstellung zu verfeinern, kann dich ein Trainer beraten, wenn er dein Spiel sieht. Und um einen anderen Schläger auszuprobieren oder deinen zu verkaufen, denk an die Anzeigen.
Quellen
- Decathlon: Welche Spannung für das Saitenbett deines Tennisschlägers?
- Tennis Warehouse Europe: Leitfaden für Tennissaiten
- Tennis Warehouse Europe: Fachbegriffe (reale Spannung)
- Tennis Warehouse Europe: Vor- und Nachteile von Naturdarm
- Mouratoglou: Warum Naturdarm wählen
- Tennis Companion: Wie wählt man seine Saiten
- Tecnifibre: Welche Spannung für deine Saite
- Tennis Majors: Die Saitenspannung und das Bespannungsmuster
- Racketpedia: Naturdarmsaiten




